Giftduschen im Jet
Böse Folgen für die Gesundheit / Sanfte Spraymethode lässt auf sich warten
Frankfurt am Main (tdt) - Die Dusche aus feinen Tröpfchen kam unvermittelt. Kaum hatte der Jumbo-Jet an Sydneys Flughafen angedockt, drängten uniformierte Beamte durch die Reihen – und nebelten die Abteile des Flugzeuges großzügig mit ihren Spraydosen ein. Er habe „nicht schlecht gehustet“, so der Augsburger Urlauber Horstmar Schmitten. Vor allem seine beiden Kinder hätten ihn hernach mit Fragen „gelöchert“.
Zu Recht: Was da versprüht wird, ist umstritten – und birgt Gesundheitsrisiken. Dennoch müssen Airlines bei der Einreise in 36 Staaten in Übersee „In-Flight-Spraying“ zulassen - Ferienziele wie Australien, Ägypten, Dominikanische Republik, Jamaika, Kenia, Kuba, Mauritius, Sri Lanka oder die Seychellen pochen darauf.
Als „grundsätzlich sinnvolle Angelegenheit“ stuft Professor Hans-Dieter Notdurft vom Tropeninstitut München die Sprayattacken ein Aufgrund des stark zunehmenden Fernreiseverkehrs sei die Gefahr von eingeschleppten Krankheitserregern groß. Befänden sich Mücken jedoch in Taschen und Rucksäcken, „werden die auch von den Giften nicht erreicht“.
Empfindlichen Flugpassagieren empfiehlt der Reisemediziner, sich während des Sprühvorgangs ein Taschentuch vor die Nase zu halten – und die Augen zu schließen.
Dass dies nicht ausreicht, zeigt der Alltag im Flugzeug: Immer wieder berichten Urlauber von Reizungen der Atemwege und Augen, von Benommenheit, Kopfschmerzen und Hustenanfällen – Pyrethrum und Pyrethroide hinterließen ihre Wirkung. Manche Mittel setzen sich dabei über Monate in Kleidern und Flugzeugstoffen fest – obwohl es längst unbedenkliche Wirkstoffe gibt, die schon nach drei Tagen verfliegen.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stuft diese Art der Schädlingsbekämpfung im Flugzeug, die mitunter auch über die Klimananlage vorgenommen wird, deshalb als „gesundheitlich bedenklich“ ein: Die Gifte schleichen in kurzer Zeit über Atemwege und Haut in den Körper – und bleiben erst einmal dort.
Abhilfe verspricht ein neues System, das Deutsche Lufthansa (LH), Umweltbundesamt und Frauenhofer Institut gemeinsam entwickelten: Auf den Jets wird in Sachen Schädlinge bereits klar Schiff gemacht, bevor Besatzung und Passagiere an Bord kommen. Die Belastung sei dabei „so gering, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht zu erwarten sind“, so Projektleiter Klaus Erich Appel.
Dagegen geht es allem Ungeziefer gezielt ans Leder: Die blinden Passagiere haben an Bord ebenso keine Chance mehr wie auch die Insekten, die erst mit den Passagieren zusteigen - die chemische Keule wirkt bis nach der Landung. Allerdings hat die „Preembarkations-Methode“ noch nicht den Segen der Weltgesundheitsbehörde (WHO), weshalb vorerst weltweit weiterhin die Insektensprays im Einsatz bleiben.
Das etwas harmlosere Verfahren, das auch in der Bundesrepublik praktiziert wird, ist die „Desinsektion“: Dabei kommen nur leichte Mittel nach der Landung zum Einsatz – wenn die Passagiere mit Sack, Pack und dem einen oder anderen Blutsauger längst über alle Berge sind.
Dass Handlungsbedarf auch in der Bundesrepublik besteht, zeigen Statistiken. Durch Mücken übertragene Virus-Erkrankungen wie das Dengue-, West-Nile-, Chikungunya-, Papataci- und Rift-Valley-Fieber oder die Japanische Enzephalitis setzen zunehmend nach der Landung mit auf – oder auch Zecken, die das Krim-Kongo-Fieber auslösen. Selbst Anopheles-Mücken bissen bereits zu – und brachten Flughafen-Mitarbeitern in Brüssel, Frankfurt am Main und Paris die Malaria.